Frankfurt: Bestand zuerst – aber nicht Bestand allein

Frankfurt wächst — der Wohnraum nicht im gleichen Tempo. Mit einer Leerstandsquote von 0,2 Prozent (IHK Frankfurt, Wohnungsmarktbericht 2024|2025) gehört der Markt zu den angespanntesten in Deutschland — ein Wert, der praktisch keinen Spielraum lässt. Gleichzeitig sind die Baugenehmigungen in Frankfurt zwischen 2021 und 2024 um rund 40 Prozent eingebrochen, und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung beziffert den jährlichen Neubaubedarf auf 4.000 Wohneinheiten (BBSR, April 2025) — eine Zahl, die der Markt derzeit bei weitem nicht erreicht. Der Druck auf die Stadt bleibt hoch, und er wird nicht von selbst nachlassen.

Die Diskussion darüber, wie Frankfurt darauf antworten soll, wird oft als Entweder-oder geführt: mehr Neubau auf freien Flächen oder stärkere Aktivierung des Bestands. Aus unserer Sicht greift diese Gegenüberstellung zu kurz — und führt in beiden Richtungen zu schlechteren Entscheidungen.

Der Gebäudebestand in Frankfurt birgt erhebliche Potenziale, die noch nicht ausgeschöpft sind. Dachaufstockungen, Umnutzungen leerstehender Büroflächen oder Nachverdichtungen in gewachsenen Quartieren können zusätzlichen Wohnraum schaffen, ohne neue Flächen zu versiegeln. Infrastruktur, Anbindung und soziale Strukturen sind bereits vorhanden — das ist ein erheblicher Vorteil gegenüber jedem Neubaustandort auf der grünen Wiese. Hinzu kommt das Klimaargument: Die Weiternutzung bestehender Bausubstanz reduziert den CO₂-Ausstoß erheblich im Vergleich zu Abriss und vollständigem Neubau, weil die graue Energie des Bestands erhalten bleibt. Bestand ist daher keine Einschränkung — sondern eine strategische Ressource, die konsequenter genutzt werden muss als bisher.

Gleichzeitig wird der Bestand allein den Bedarf nicht decken. Frankfurt benötigt auch neue Quartiere — energetisch zukunftsfähig, sozial durchmischt, stadträumlich klar eingebunden. Neubau ermöglicht es, Wohnformen neu zu denken, Freiräume zu schaffen und Mobilitätskonzepte von Anfang an mitzuplanen, statt sie nachträglich in gewachsene Strukturen einzupassen. Die entscheidende Frage ist dabei nicht, ob neu gebaut wird, sondern wie: mit welcher Dichte, welchem Energiestandard, welcher sozialen Durchmischung und welchem Verhältnis zum angrenzenden Stadtgefüge.

Als alma:s Architekten vertreten wir eine klare Haltung: Jede Planung beginnt mit der Frage, welches Potenzial im Bestand liegt. Erst wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft oder städtebaulich nicht sinnvoll sind, wird Neubau zum nächsten Schritt. Das ist kein ideologisches Bekenntnis zum Bestand um jeden Preis — sondern ein methodischer Ansatz, der aus unserer Überzeugung folgt, dass Ressourcen, die bereits vorhanden sind, zuerst genutzt werden sollten. Unser Anspruch ist es, Wohnraum zu schaffen, der funktional, wirtschaftlich und stadtverträglich ist. Nicht maximale Ausnutzung steht im Vordergrund, sondern langfristig funktionierende Stadtstrukturen.

Wohnraum ist keine abstrakte Kennzahl. Er ist Lebensraum — für konkrete Menschen, in konkreten Stadtteilen, mit konkreten Nachbarn. Die Zukunft Frankfurts liegt deshalb nicht im ideologischen Gegensatz zwischen Bestand und Neubau, sondern in einer qualitätsorientierten Verbindung beider Strategien. Was fehlt, ist nicht die Erkenntnis darüber — sondern der politische und wirtschaftliche Wille, sie konsequent umzusetzen.

Quellen: IHK Frankfurt am Main, Wohnungsmarktbericht 2024|2025 · BBSR, Wohnungsbedarfsstudie April 2025 · Bauplan D 2030, März 2025

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